Sundance 2022, Teil 1

Sundance 2022! 25 Filme in 10 Tagen. Dieses Jahr fand das Sundance Filmfestival komplett online statt. Somit wurde uns der dem Festival normalerweise vorausgehende Stress mit Flug und Unterkunft buchen erspart. Auch wenn wir den Festival-Vibe ein wenig vermissten, so haben wir diese Form des Festivals doch sehr genossen.  Insgesamt wurden 14.849 Filme eingereicht. Davon wurden 84 Spielfilme und 59 Kurzfilme ausgewählt und ins diesjährige Programm aufgenommen. Hier unsere ersten zehn Empfehlungen:

  • The Worst Person in the World
    [Dänemark (2021) melancholische Komödie von Joachim Trier]
    Worum geht’s?
    In zwölf Kapiteln wird die die Geschichte der unentschlossenen Julie über vier Jahre hinweg erzählt. Julie ist in einer Beziehung mit dem 14 Jahre älteren Comic-Zeichner Aksel. Er möchte gerne eine Familie mit ihr gründen, für Julie kommt das hingegen nicht in Frage. Als Julie sich eines Abends auf eine Party schleicht, lernt sie den jüngeren und charmanten Eivind kennen. So wie Julie möchte er keine Kinder haben. Das ist der Beginn einer Romanze, die ganz anders verläuft, als sich die beiden das am Anfang vorgestellt haben …
    Fazit: Absolut sehenswert – sehr charmanter Film mit wunderbaren Schauspielern und unglaublich gut geschriebenen Dialogen.
    Der Film wird voraussichtlich ab dem 05. Mai 2022 in den deutschen Kinos unter dem Titel „Der Schlimmste Mensch der Welt“ zu sehen sein.
  • Nothing Compares
    [Dokumentarfilm über die irische Sängerin Sinéad O’Connor]
    Worum geht’s?
    In ihrem gelungenen Debüt schildert Kathryn Ferguson O’Connors steinigen Weg zum Ruhm mit großer Klarheit. Die Regisseurin konzentriert sich bewusst auf die späten 1980er und frühen 1990er Jahre, als O’Connor sich als Künstlerin etablierte und gleichzeitig gegen den Ansturm von Frauenfeindlichkeit und Vorurteilen in der von Männern dominierten Musikindustrie (und darüber hinaus) kämpfte. Seit Beginn ihrer Karriere hat Sinéad O’Connor ihre kraftvolle Stimme eingesetzt, um ihren persönlichen Erfahrungen des Aufwachsens in einem lieblosen Elternhaus im überwiegend römisch-katholischen Irland Ausdruck zu verleihen. O’Connors unbeirrte Weigerung sich anzupassen, führte oftmals dazu, dass sie oft bevormundet und zu Unrecht als aufmerksamkeitsgeiler Popstar abgetan wurde.
    Fazit: Absolut sehenswert! Dies ist ein beeindruckender Dokumentarfilm über eine schwer zu fassende Persönlichkeit mit einer außergewöhnlichen Stimme. Es ist so unglaublich tragisch mit anzusehen, welche Folgen transgenerationale Traumata haben können.
Courtesy of Sundance Institute: sundance.org
  • When You Finish Saving the World
    [Regie Debut von Jesse Eisenberg]
    Worum geht’s?
    Der Highschool-Schüler Ziggy (Finn Wolfhard) singt in seinem „Musikstudio“ (in seinem Kinderzimmer) originelle Folk-Rock-Songs für eine begeisterte Online-Fangemeinde. Dieses Konzept verwirrt seine ernste und verklemmte Mutter Evelyn (Julianne Moore), die eine Einrichtung für Opfer häuslicher Gewalt leitet. Während Ziggy versucht, seine sozial engagierte Klassenkameradin Lila mit politischen Songs für sich zu gewinnen, lernt Evelyn Angie und ihren jugendlichen Sohn Kyle kennen, die in ihrer Einrichtung Zuflucht suchen. Evelyn findet bei Kyle etwas, das sie bei ihrem eigenen Sohn vermisst und beschließt, Kyle (wider besseres Wissen) unter ihre Fittiche zu nehmen.
    Fazit: Sehenswert – Jesse Eisenberg erzählt die Geschichte einer Mutter und eines Sohnes, die die Werte des jeweils anderen nicht verstehen. Mit sanftem Humor und treffsicheren Dialogen spiegelt dieser Film die (flüchtigen) Momente des Internet-Ruhms und des Jugendaktivismus wider, erzählt aber auch die zeitlose Geschichte von Eltern und Kindern, die darum kämpfen, die Generationskluft zu überwinden, die sie voneinander trennt.
Courtesy of Sundance Institute: When You Finish Saving the World
  • The Territory
    Worum geht’s?
    Im Mittelpunkt von „The Territory“ steht der unermüdliche Kampf des indigenen Volkes der Uru-eu-wau-wau gegen die fortschreitende Abholzung durch illegale Holzfäller und eine Vereinigung nicht-einheimischer Bauern im brasilianischen Amazonasgebiet. Der Film bietet dem Zuschauer einen tiefen Einblick in die Gemeinschaft der Uru-eu-wau-wau und dokumentiert gleichzeitig die andere Seite des Konflikts, wenn Holzfäller illegal Bäume abholzen und sich ein Netzwerk verzweifelter Farmer zusammenschließt, die bereit sind, den geschützten Regenwald zu besiedeln.
    Da die Regierung nicht gewillt ist, diesen schamlosen Übergriffen Einhalt zu gebieten, gründen die Uru-eu-wau-wau ihr eigenes Medienteam, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und sich zu wehren.
    Fazit: Absolut sehenswert – fantastische Doku, die alle Seiten des Konflikts neutral unter die Lupe nimmt. Der Film lässt den Zuschauer mit einem Gefühl der Hoffnung zurück – so hart erkämpft und zerbrechlich sie auch sein mag.
    Wo kann ich den Film sehen?
    Der Film wurde von National Geographic gekauft und wird in Deutschland sicherlich bald bei Disney Plus zu sehen sein.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute „The Territory“
  • Resurrection
    Worum geht’s?
    Margaret (Rebecca Hall) führt ein erfolgreiches und geordnetes Leben. Als alleinerziehende Mutter bringt sie Karriere und die Erziehung ihrer sehr unabhängigen Tochter Abbie absolut souverän unter einen Hut. Doch dieses Gleichgewicht gerät aus den Fugen, als sie einen Mann erblickt, den sie sofort wiedererkennt – einen unwillkommenen Schatten aus ihrer Vergangenheit. Kurze Zeit später begegnet sie ihm erneut und ihre Begegnungen scheinen alles andere als ein unglücklicher Zufall zu sein. Im Kampf gegen ihre aufkommende Angst muss sich Margaret dem Monster stellen, dem sie zwei Jahrzehnte lang ausgewichen ist.
    Fazit: Geschmackssache – Obwohl Rebecca Hall und Tim Roth hier eine absolut fantastische schauspielerische Leistung hinlegen, so hat mich dieser Thriller absolut nicht überzeugt. Die so dramatisch aufgebaute Spannung verpufft mit einer absolut beknackten Auflösung. [Manch anderer mag diesen Film super finden.]
Quelle: Courtesy of Sundance Institute „Resurrection“
  • Alice
    Worum geht’s?
    Alice (Keke Palmer) lebt als Sklavin auf einer ländlichen Plantage in Georgia und sehnt sich nach Freiheit. Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit dem Plantagenbesitzer Paul flieht Alice durch die benachbarten Wälder und stößt auf den ungewohnten Anblick eines Highways. Bald stellt sie fest, dass wir tatsächlich das Jahr 1973 schreiben. Als sie am Straßenrand von einem desillusionierten schwarzen Aktivisten namens Frank gerettet wird, deckt Alice die Lügen auf, die sie versklavt gehalten haben und sinnt auf Rache und Befreiung.
    Fazit: Sehenswert, aber nicht überzeugend. Unglaublich, dass dieser Film auf einer wahren Begebenheit beruht.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute „Alice“
  • Cha Cha Real Smooth
    Worum geht’s?
    Gerade mit der Uni fertig – aber was nun? Der 22-jährige Andrew (Cooper Raiff) weiß nach der Uni nicht so genau, was er mit seinem weiteren Leben anfangen soll. Also wohnt er erstmal wieder bei seiner Familie in New Jersey. Aber wenn er an der Uni eines gelernt hat, dann ist es das Trinken und Feiern – Fähigkeiten, die ihn zum perfekten Kandidaten für einen Job als Partyanimateur auf den Bar- und Bat-Mizwa-Partys der Klassenkameraden seines jüngeren Bruders machen. Als Andrew sich mit der Mutter Domino (Dakota Johnson) und ihrer autistischen Tochter Lola anfreundet, bekommt er eine Ahnung davon, wie er sich sein zukünftiges Leben vorstellen könnte.
    Fazit: Absolut sehenswert – „Cha Cha Real Smooth“ überzeugt durch einen unbeschwerten, Charme, der durch eine unterschwellige Melancholie noch verstärkt wird. Der talentierte 24-jährige Cooper Raiff hat ein fantastisches Drehbuch geschrieben, Regie geführt und spielt auch noch die Hauptrolle.
    Wo kann ich den Film sehen?
    „Cha Cha Real Smooth“ wurde von Apple TV gekauft. Dort wird er sicherlich bald zu sehen sein.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute „Cha Cha Real Smooth“
  • Sirens
    Worum geht’s?
    [Ergreifender und nachdenklicher Dokumentarfilm über eine libanesische Trash-Metal-Band aus Beirut]
    „Slave to Sirens“ – die erste und einzige reine Frauen-Thrash-Metal-Band des Nahen Ostens. Der Name der Band ist Programm: Die Frauen ziehen einen geradezu in ihren Bann. Vor dem Hintergrund politischer Unruhen und des herzzerreißenden Niedergangs von Beirut bilden fünf Bandmitglieder ein künstlerisches Leuchtfeuer des Widerstands und der Unabhängigkeit. Regisseurin Rita Baghdadi folgt den Bandgründerinnen und Gitarristinnen Lilas Mayassi und Shery Bechara, wie ihre Zärtlichkeit (und manchmal auch Bitterkeit) füreinander auf unerwartete und tief bewegende Weise wächst. Zusammen mit der Sängerin Maya Khairallah, der Bassistin Alma Doumani und der Schlagzeugerin Tatyana Boughaba bewältigen diese Frauen ihre emotionale Reise durch das junge Erwachsenenalter unter turbulenten Umständen mit Anmut, unverfälschter Leidenschaft und einem unbändigen Engagement für ihre Kunst.
    Fazit: Absolut sehenswert, auch wenn man kein Trash-Metal-Fan ist. Shery und Lilas sind rätselhafte, fesselnde Persönlichkeiten und man fiebert mit ihrer Freundschaft und dem Werdegang der Band mit. Wer hätte gedacht, dass Metall so weich sein kann?
Quelle: Courtesy of Sundance Institute: „Sirens“
  • To the End
    Worum geht’s?
    Die Welt befindet sich in einer Krise. Es wird nicht genug getan, um die Klimakatastrophe aufzuhalten. Der „Green New Deal“ hat mit seinem visionären Versprechen eines systemischen, wirtschaftlichen und ökologischen Wandels, der eine bessere und gerechtere Welt schaffen soll, die Hoffnung von Millionen von Amerikaner geweckt. „To the End“ blickt hinter die Kulissen einer sozialen und politischen Bewegung, in der junge Menschen den Zynismus und die Selbstgefälligkeit einer Machtstruktur ablehnen, die es versäumt hat, die existenzielle Bedrohung, mit der wir konfrontiert sind, ernsthaft anzugehen. Regisseurin Rachel Lears („Knock Down the House“) erzählt die dringende Coming-of-Age-Geschichte einer Bewegung, am Beispiel vier junger Führungspersönlichkeiten: Alexandria Ocasio-Cortez, Varshini Prakash, Alexandra Rojas und Rhiana Gunn-Wright. Die letzte Generation, die vielleicht noch die Chance hat, die Klimakatastrophe abzuwenden, fordert ein Mitspracherecht bei der Gestaltung dieser Zukunft.
    Fazit: Absolut sehenswert! Interessante und wichtige Doku! Hier erfährt man mehr über die amerikanische Seite der Klimapolitik und die amerikanischen Klimaaktivistinnen.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute: „To the End“
  • The Janes
    Worum geht’s?
    Im Frühjahr 1972 führt die Polizei eine Razzia in einer Wohnung in der South Side von Chicago durch. Sieben Frauen werden verhaftet und angeklagt. Die Angeklagten sind Teil eines geheimen Netzwerks. Die Straftat: sie verhelfen Frauen zu sicheren und erschwinglichen Abtreibungen. Abtreibungen waren in den USA bis 1976 gesetzlich verboten (und sind es teilweise ja schon wieder). Die Organisation nannte sich „Jane“. Im Kampf gegen die skrupellose männliche Abtreibungs-Mafia, die Kirche und den Staat bewiesen die Janes beispiellosen Mut und Mitgefühl für die Bedürftigsten.
    Fazit: Absolut sehenswert.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute: „The Janes“

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