Sundance 2020, Teil 2

Hier der zweite Teil unserer Sundance-Berichterstattung:

  • Girl Picture
    [Auszeichnung: Sundance Audience Award: World Cinema Dramatic]
    Worum geht’s?
    Die besten Freundinnen Mimmi und Rönkkö arbeiten nach der Schule in einem Smoothie-Kiosk und tauschen offen Geschichten über ihre Frustrationen und Erwartungen in Bezug auf Liebe und Sex aus. Die unberechenbare Außenseiterin Mimmi, stürzt sich unerwartet in eine Romanze mit Emma (einer ehrgeizigen Eiskunstläuferin). In dieser Beziehung lernt sie (schmerzlich), dass eine dauerhafte Beziehung Vertrauen und manchmal auch Kompromissfähigkeit erfordert. In der Zwischenzeit versucht sich die unkonventionelle und unermüdliche Rönkkö in der Teenager-Party-Szene und stolpert auf der Suche nach ihrer eigenen Version von Befriedigung durch eine Reihe unbeholfener Begegnungen mit Mitgliedern des anderen Geschlechts.
    Fazit: Absolut sehenswert! Mit der grandiosen Performance der Darstellerinnen, der wundervollen Regiearbeit von Alli Haapasalo und einem Soundtrack voller lebendiger Songs ist „Girl Picture“ eine fröhliche und nachhallende Momentaufnahme des Erwachsenwerdens. Ein finnischer Film, der zeigt, dass es einige universelle Wahrheiten des Erwachsenwerdens gibt, die immer relevant bleiben.
  • 2nd Chance
    [Doku über eine unglaublich durchgeknallte Lebensgeschichte]
    Worum geht’s?
    Im Jahr 1969 entwickelte der bankrotte Pizzeria-Besitzer Richard Davis die moderne kugelsichere Weste. Um zu beweisen, dass sie funktioniert, schoss er 192 Mal auf sich selbst – aus nächster Nähe. Davis gründete daraufhin „Second Chance“, das sich zu einem der größten Schutzwestenhersteller der Welt entwickelte. Mit seinem Charme und seiner Unverfrorenheit drehte er aufsehenerregende Werbefilme, die ihn bei Polizisten und Waffenbesitzern im ganzen Land zu einer Berühmtheit machten. Doch der Tod eines Polizeibeamten, der eine Schutzweste von Second Chance trug, bringt David zu Fall und offenbart einen Mann voller Widersprüche, der über Jahrzehnte hinweg rücksichtslose Lügen kultiviert hat. Der ebenso fragwürdige wie fesselnde Davis rettete Tausende von Menschenleben und gefährdete gleichzeitig exponentiell mehr.
    Fazit: Sehenswert. Hat mich aber nicht wirklich vom Hocker gehauen.
Courtesy of Sundance Institute: „2nd Chance“
  • Dos Estaciones
    [Auszeichung: Sundance World Cinema Dramatic Special Jury Award: Acting]
    Worum geht’s?
    Inmitten der malerischen roten Erde, des blauen Himmels und der grünen Agavenfelder steht „Dos Estaciones“ – eine einst majestätische Tequila-Fabrik, die um ihr Überleben kämpft. An der Spitze der Fabrik steht Maria Garcia, Erbin des Familienunternehmens und Vorbild für die Stadtbewohner, die sie beschäftigt. Um die Verwaltung des Unternehmens zu leiten, stellt Maria eine neue Mitarbeiterin ein – die motivierte Rafaela. Deren lebendige Präsenz bringt neuen Schwung in ein Haus (und einen Betrieb), das nach einem Wunder dürstet. Als hartnäckige Schädlinge und eine unerwartete Überschwemmung irreversible Schäden an der Agavenernte verursachen, ist Maria gezwungen, alles zu tun, um die wichtigste Einnahmequelle ihrer Gemeinde zu retten.
    Fazit: Sehenswert! „Dos Estaciones“ ist ein sehr bildgewaltiger, sehr langsamer und sehr schöner Film, der ohne viel Dialog auskommt! Manchmal sagen Bilder mehr als 1000 Worte.
Courtesy of Sundance Institute: „Dos Estaciones“
  • Phoenix Rising
    Worum geht’s?
    Evan Rachel Wood ist auf der Leinwand keine Unbekannte. Mit “Thirteen”, „Westworld“ bis zu ihrem letzten Auftritt beim Sundance Film Festival in Miranda July’s „Kajillionaire“ hat sich Evan Rachel Wood in unsere Herzen gespielt. Aber in diesem eindrucksvollen, intimen Porträt über ihre Erfahrungen als Überlebende häuslicher Gewalt und wie sie zur Aktivistin wurde, hören wir sie jetzt mit der Klarheit, die aufhorchen lässt. Die für den Academy Award nominierte Regisseurin Amy Berg folgt Evan Rachel Wood und der Organisation „The Phoenix Act“. Dabei wird der politische und gesellschaftliche Fokus genauer unter die Lupe genommen, den die Schauspielerin nach ihrem Trauma verfolgt.
    Fazit: Sehenswert, dramatisch, deprimierend. Mehr fällt mir dazu leider nicht ein.
    Wo kann ich den Film sehen?
    Die 2-teilige Doku-Serie wird später in diesem Jahr auf HBO ausgestrahlt. In Deutschland könnt Ihr den Film vielleicht Sky Atlantic sehen.
Courtesy of Sundance Institute: „Phoenix Rising“
  • Emily the Criminal
    Worum geht’s?
    Emily (Aubrey Plaza) muss ein hohes Studiendarlehen zurückzahlen und hat es – aufgrund eines kleinen Vorstrafenregisters – schwer, einen gut bezahlten Job zu finden. In ihrer Verzweiflung nimmt sie einen zwielichtigen Job als „Dummy Shopper“ an und kauft Waren mit gestohlenen Kreditkarten, die ihr ein Mittelsmann namens Youcef zur Verfügung stellt. Nach einer Reihe aussichtsloser Vorstellungsgespräche ist Emily bald nicht nur vom schnellen Geld und dem illegalen Nervenkitzel des Schwarzmarktkapitalismus angetan, sondern auch von ihrem glühenden Mentor Youcef. Doch dann läuft etwas schief … !
    Fazit: Sehenswerter Thriller! Ein äußerst effektives Debut von John Patton Ford, in dessen Mittelpunkt die starke schauspielerische Leistung von Aubrey Plaza steht. Emily trifft zwar einige unethische und gefährliche Entscheidungen, aber lässt uns Zuschauer nie vergessen, was sie überhaupt in diese Lage gebracht hat.
Courtesy of Sundance Institute: „Emily the Criminal“
  • Am I OK?
    Worum geht’s?
    Lucy und Jane sind die besten Freundinnen. Sie beenden die Sätze der jeweils anderen und wissen so ziemlich alles voneinander. Doch als Jane befördert wird und zustimmt, für ihre neue Stelle nach London zu ziehen, gesteht Lucy ihr tiefstes, lange gehütetes Geheimnis: Sie mag Frauen. Und das schon seit langem. Und sie ist entsetzt über diese späte Erkenntnis. Plötzlich gerät ihre Freundschaft ins Wanken, da die beiden getrennte Wege gehen müssen, um die unerwarteten Veränderungen in ihrem Leben zu bewältigen.
    Fazit: Sehenswert! Eine liebevoll und witzig gestaltete Ode an die weibliche Freundschaft und die Idee, dass es nie zu spät ist, sein wahres Ich und sein Glück zu suchen.
Courtesy of Sundance Institute: „Am I OK?“
  • Navalny
    [Auszeichnungen: Sundance Festival Favorite Award + Sundance Audience Award: U.S.]
    Worum geht’s?
    Im August 2020 musste ein Flugzeug auf dem Weg von Sibirien nach Moskau notlanden. Einer der Passagiere, der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny, war tödlich erkrankt. Er wurde in ein örtliches Krankenhaus in Sibirien gebracht und schließlich nach Berlin evakuiert. Dort bestätigten die Ärzte, dass er mit Nowitschok vergiftet wurde – einem Nervengift, das zum Ausschalten der Gegner der russischen Regierung eingesetzt wird (wurde?). Präsident Wladimir Putin zweifelte den Befund sofort an und bestritt jegliche Verwicklung. Während Navalny sich in Deutschland erholte, arbeitete er – zusammen mit seinem Team, dem investigativen Journalismusportal “Bellingcat” und anderen internationalen Nachrichtenorganisationen – daran, den Mordversuch aufzudecken und Beweise für die Beteiligung des Kremls zu finden.
    Fazit: Sehenswert! Für diejenigen, die den Fall in der Presse verfolgt haben, wird hier nichts neues zu sehen sein. Dennoch ist Daniel Roher eine gute Dokumentation eines mutigen Mannes und eines unbarmherzigen Regimes gelungen.
    Wo kann ich den Film sehen?
    Diese Doku entstand in Zusammenarbeit mit CNN Films und HBO Max.
    Vielleicht ist sie in Deutschland bald bei Sky zu sehen.
Courtesy of Sundance Institute: „Navalny“
  • Leonor Will Never Die
    [Auszeichnung: Sundance World Cinema Dramatic Special Jury Award: Innovative Spirit]
    Worum geht’s?
    Leonor Reyes war einst eine wichtiger Akteurin in der philippinischen Filmindustrie, nachdem sie eine Reihe erfolgreicher Actionfilme geschrieben und gedreht hatte. Jetzt aber fällt es ihr schwer ihren Alltag zu bewältigen und die monatlichen Rechnungen zu bezahlen. Als sie in der Zeitung über eine Anzeige stolpert, in der Drehbücher gesucht werden, beginnt Leonor, an einem unvollendeten Skript zu arbeiten. Ihre Geschichte handelt von dem jungen Ronwaldo, der den Mord an seinem Bruder rächen will. Ihre Fantasie bietet Leonor zwar eine gewisse Flucht vor der Realität, doch als sie bei einem Unfall bewusstlos wird und ins Koma fällt, wird sie in den unvollendeten Film hinein katapultiert. Jetzt kann Leonor ihre kühnsten Fantasien hautnah miterleben und das perfekte Ende für ihre Geschichte finden.
    Fazit: Sehenswert! Und absolut durchgeknallt! Aber hey – wann hat man schon mal Gelegenheit, das Debüt einer jungen philippinischen Filmemacherin zu sehen?! Dieser Film ist einfallsreich und originell, mit einem Hauch von magischem Realismus.
Courtesy of Sundance Institute: „Leonor Will Never Die“
  • Nanny
    [Auszeichnung: Sundance U.S. Grand Jury Prize: Dramatic]
    Worum geht’s?
    Aisha, eine senegalesische Einwanderin ohne Papiere, erhält einen Job als Kindermädchen bei einem wohlhabenden Paar in Manhattan. Während sie mit Leichtigkeit die Zuneigung der kleinen Tochter Rose gewinnt, wird sie zum Spielball des (zerütteten) Ehepaares. Die Mutter ist ebenso kontrollierend wie der Vater desillusioniert. Aisha leidet unter der Abwesenheit ihres kleinen Sohnes, den sie im Senegal zurücklassen musste. Sie hofft, dass ihr neuer Job ihr die Möglichkeit bietet, ihn in zu sich die USA zu holen. Doch als seine Ankunft näher rückt, beginnt eine übernatürliche Präsenz, sowohl in ihre Träume als auch in ihre Realität einzudringen.
    Fazit: Absolut sehenswert! Eine eindringliche Geschichte über die Ängste und Schrecken einer Immigrantin. Anna Diop ist einfach fantastisch.
    Wo kann ich den Film sehen?
    Auch wenn „Nanny“ der Gewinner des diesjährigen Sundance Filmfestivals ist, so wurde der Film bis jetzt noch von niemandem gekauft.
Courtesy of Sundance Institute: „Nanny“
  • Fire of Love
    [Auszeichnung: Sundance Jonathan Oppenheim Editing Award: U.S. Documentary]
    Worum geht’s?
    Katia und Maurice liebten zwei Dinge – sich und Vulkane. Zwei Jahrzehnte lang war das wagemutige französische Vulkanologenpaar vom Nervenkitzel und der Gefahr der Erforschung von Vulkanen fasziniert. Sie jagdten geradezu nach vulkanischen Eruptionen und dokumentierten ihre Entdeckungen in atemberaubenden Fotos und Filmen, um sie in Medienauftritten und auf Vortragsreisen mit einem immer neugierigeren Publikum zu teilen. Letztendlich verloren Katia und Maurice 1991 bei einer Vulkanexplosion auf dem japanischen Berg Unzen ihr Leben. Aber sie hinterließen ein Vermächtnis, das unser Wissen über Vulkane und die Liebe für immer bereichern sollte.
    Fazit: Fantastisch! Unglaublich bildgewaltige Liebes-und Lebensgeschichte zweier faszinierenden Menschen.
    Wo kann ich den Film sehen?
    Der Film wurde von „National Geographic“ gekauft und kann in Deutschland vielleicht bald bei „Disney Plus“ gesehen werden.
Courtesy of Sundance Institute: „Fire of Love“
  • blood
    [Auszeichnung: Sundance U.S. Dramatic Special Jury Award: Uncompromising Artistic Vision]
    Worum geht’s?
    Die junge Witwe Chloe (Carla Juri) reist aus beruflichen Gründen nach Japan, wo sie von einem alten Freund, Toshi (Takashi Ueno), empfangen wird. Zwischen der Melancholie des Verlustes und der Ehrfurcht vor neuen Perspektiven reist Chloe durch ein unbekanntes Land. Sie muss Japan und sich selbst neu entdecken. „blood“ beschäftigt sich damit, wie eine zerbrechliche Liebe aus unverrückbarem Schmerz entstehen kann. Mit ruhiger Zurückhaltung, sanftem Rhythmus und unvergesslichen Bildern fängt diese subtile Studie über Zweisamkeit und Abgeschiedenheit die Lebendigkeit des inneren Lebens ein.
    Fazit: Sehenswert! Ein sehr langsamer, stiller Film. Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Bradley Rust Gray beobachtet die Unverwüstlichkeit des Lebens und der Liebe, die Überraschung des Begehrens und die Barrieren der Sprache. Absolute filmische Poesie!
Courtesy of Sundance Institute: „blood“
  • Klondike
    [Auszeichnung: Directing Award: World Cinema Dramatic]
    Worum geht’s?
    Juli 2014. Die werdenden Eltern Irka und Tolik leben in der Region Donezk in der Ostukraine nahe der russischen Grenze, einem umstrittenen Gebiet in den ersten Tagen des Donbas-Krieges. Ihre nervöse Vorfreude auf die Geburt ihres ersten Kindes wird jäh unterbrochen, als der nahe Absturz von Flug MH17 die bedrohliche Spannung in ihrem Dorf noch verstärkt. Das Wrack des abgestürzten Flugzeugs und die eintreffende Parade der Trauernden unterstreichen das surreale Trauma des Augenblicks. Während Toliks separatistische Freunde von ihm erwarten, dass er sich ihren Bemühungen anschließt, ist Irkas Bruder erzürnt über den Verdacht, dass das Paar die Ukraine verraten hat. Selbst als das Dorf von den Streitkräften eingenommen wird, weigert sich Irka evakuiert zu werden. Sie versucht (vergeblich?) Frieden zwischen ihrem Mann und ihrem Bruder zu schließen, indem sie sie bittet, ihr zerbombtes Haus zu reparieren.
    Fazit: Sehenswert – aber harter Tobak! Die Geschichte einer starken Frau in einer vom Krieg und anderen Katastrophen unerträglich erscheinenden Welt.
Courtesy of Sundance Institute: „Klondike“
  • Utama
    [Auszeichnung: Sundance World Cinema Grand Jury Prize: Dramatic]
    Worum geht’s?
    Umwelt- und Familiendrama in Bolivien: Die Zeit scheint langsam zu vergehen, weit draußen auf dem rissigen, trockenen Land des bolivianischen Altiplano. Hier führen das älteres Quechua-Ehepaar Virginio und Sisa ein bescheidenes Leben. Als ihr Enkel Clever auftaucht, findet Virginio schnell heraus, dass er nur da ist, um sie zu überreden, in die Stadt zu ziehen. Aber selbst die Tatsache, dass sie aufgrund der anhaltenden Dürre kein Wasser mehr haben, kann sie nicht überzeugen, umzuziehen. Auch mit Virginios Gesundheit steht es nicht zum besten. Was nun? Werden sie dem Beispiel der anderen Quechuas folgen und ihre Heimat in Richtung Stadt verlassen?
    Fazit: Sehenswert! Die Suche nach endlichen Ressourcen wie Wasser und Zeit mag sich wie eine bekannte Geschichte anhören, aber die beeindruckende Kameraarbeit der brillanten Bárbara Alvarez und die starken Darsteller verleihen dem Film eine zusätzliche Ladung an Dringlichkeit.
Courtesy of Sundance Institute: „Utama“
  • The Exiles
    [Auszeichnung: Sundance U.S. Grand Jury Prize: Documentary]
    Worum geht’s?
    Christine Choy ist eine Dokumentarfilmerin, Kamerafrau, Professorin und New Yorkerin wie sie im Buche steht. Ihre Filme und Lehrtätigkeit haben eine ganze Generation von Künstlern beeinflusst. 1989 begannen sie und Renee Tajima-Peña, die Anführer der Pro-Demokratie-Proteste auf dem Tiananmen-Platz zu filmen, die nach dem Massaker vom 4. Juni ins politische Exil geflohen waren.
    Sie hat dieses Filmprojekt nie abgeschlossen. Nun haben sich zwei Studentinnen Choys dem Filmmaterial angenommen. Choy reist jetzt mit dem alten Filmmaterial nach Taiwan, Maryland und Paris, um es mit den chinesischen Dissidenten zu teilen, die nie nach Hause zurückkehren konnten.
    Fazit: Absolut sehenswert! „The Exiles“ zeigt, wie viel die Dissidenten aufgeben mussten und wie wenig sie gewonnen haben. Erinnert einen wieder einmal daran, dass Demokratier harte Arbeit ist und keinesfalls als selbstverständlich hingenommen werden darf!
Courtesy of Sundance Institute: „The Exiles“

So – das war unser Sundance 2022!

Sundance 2022, Teil 1

Sundance 2022! 25 Filme in 10 Tagen. Dieses Jahr fand das Sundance Filmfestival komplett online statt. Somit wurde uns der dem Festival normalerweise vorausgehende Stress mit Flug und Unterkunft buchen erspart. Auch wenn wir den Festival-Vibe ein wenig vermissten, so haben wir diese Form des Festivals doch sehr genossen.  Insgesamt wurden 14.849 Filme eingereicht. Davon wurden 84 Spielfilme und 59 Kurzfilme ausgewählt und ins diesjährige Programm aufgenommen. Hier unsere ersten zehn Empfehlungen:

  • The Worst Person in the World
    [Dänemark (2021) melancholische Komödie von Joachim Trier]
    Worum geht’s?
    In zwölf Kapiteln wird die die Geschichte der unentschlossenen Julie über vier Jahre hinweg erzählt. Julie ist in einer Beziehung mit dem 14 Jahre älteren Comic-Zeichner Aksel. Er möchte gerne eine Familie mit ihr gründen, für Julie kommt das hingegen nicht in Frage. Als Julie sich eines Abends auf eine Party schleicht, lernt sie den jüngeren und charmanten Eivind kennen. So wie Julie möchte er keine Kinder haben. Das ist der Beginn einer Romanze, die ganz anders verläuft, als sich die beiden das am Anfang vorgestellt haben …
    Fazit: Absolut sehenswert – sehr charmanter Film mit wunderbaren Schauspielern und unglaublich gut geschriebenen Dialogen.
    Der Film wird voraussichtlich ab dem 05. Mai 2022 in den deutschen Kinos unter dem Titel „Der Schlimmste Mensch der Welt“ zu sehen sein.
  • Nothing Compares
    [Dokumentarfilm über die irische Sängerin Sinéad O’Connor]
    Worum geht’s?
    In ihrem gelungenen Debüt schildert Kathryn Ferguson O’Connors steinigen Weg zum Ruhm mit großer Klarheit. Die Regisseurin konzentriert sich bewusst auf die späten 1980er und frühen 1990er Jahre, als O’Connor sich als Künstlerin etablierte und gleichzeitig gegen den Ansturm von Frauenfeindlichkeit und Vorurteilen in der von Männern dominierten Musikindustrie (und darüber hinaus) kämpfte. Seit Beginn ihrer Karriere hat Sinéad O’Connor ihre kraftvolle Stimme eingesetzt, um ihren persönlichen Erfahrungen des Aufwachsens in einem lieblosen Elternhaus im überwiegend römisch-katholischen Irland Ausdruck zu verleihen. O’Connors unbeirrte Weigerung sich anzupassen, führte oftmals dazu, dass sie oft bevormundet und zu Unrecht als aufmerksamkeitsgeiler Popstar abgetan wurde.
    Fazit: Absolut sehenswert! Dies ist ein beeindruckender Dokumentarfilm über eine schwer zu fassende Persönlichkeit mit einer außergewöhnlichen Stimme. Es ist so unglaublich tragisch mit anzusehen, welche Folgen transgenerationale Traumata haben können.
Courtesy of Sundance Institute: sundance.org
  • When You Finish Saving the World
    [Regie Debut von Jesse Eisenberg]
    Worum geht’s?
    Der Highschool-Schüler Ziggy (Finn Wolfhard) singt in seinem „Musikstudio“ (in seinem Kinderzimmer) originelle Folk-Rock-Songs für eine begeisterte Online-Fangemeinde. Dieses Konzept verwirrt seine ernste und verklemmte Mutter Evelyn (Julianne Moore), die eine Einrichtung für Opfer häuslicher Gewalt leitet. Während Ziggy versucht, seine sozial engagierte Klassenkameradin Lila mit politischen Songs für sich zu gewinnen, lernt Evelyn Angie und ihren jugendlichen Sohn Kyle kennen, die in ihrer Einrichtung Zuflucht suchen. Evelyn findet bei Kyle etwas, das sie bei ihrem eigenen Sohn vermisst und beschließt, Kyle (wider besseres Wissen) unter ihre Fittiche zu nehmen.
    Fazit: Sehenswert – Jesse Eisenberg erzählt die Geschichte einer Mutter und eines Sohnes, die die Werte des jeweils anderen nicht verstehen. Mit sanftem Humor und treffsicheren Dialogen spiegelt dieser Film die (flüchtigen) Momente des Internet-Ruhms und des Jugendaktivismus wider, erzählt aber auch die zeitlose Geschichte von Eltern und Kindern, die darum kämpfen, die Generationskluft zu überwinden, die sie voneinander trennt.
Courtesy of Sundance Institute: When You Finish Saving the World
  • The Territory
    Worum geht’s?
    Im Mittelpunkt von „The Territory“ steht der unermüdliche Kampf des indigenen Volkes der Uru-eu-wau-wau gegen die fortschreitende Abholzung durch illegale Holzfäller und eine Vereinigung nicht-einheimischer Bauern im brasilianischen Amazonasgebiet. Der Film bietet dem Zuschauer einen tiefen Einblick in die Gemeinschaft der Uru-eu-wau-wau und dokumentiert gleichzeitig die andere Seite des Konflikts, wenn Holzfäller illegal Bäume abholzen und sich ein Netzwerk verzweifelter Farmer zusammenschließt, die bereit sind, den geschützten Regenwald zu besiedeln.
    Da die Regierung nicht gewillt ist, diesen schamlosen Übergriffen Einhalt zu gebieten, gründen die Uru-eu-wau-wau ihr eigenes Medienteam, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und sich zu wehren.
    Fazit: Absolut sehenswert – fantastische Doku, die alle Seiten des Konflikts neutral unter die Lupe nimmt. Der Film lässt den Zuschauer mit einem Gefühl der Hoffnung zurück – so hart erkämpft und zerbrechlich sie auch sein mag.
    Wo kann ich den Film sehen?
    Der Film wurde von National Geographic gekauft und wird in Deutschland sicherlich bald bei Disney Plus zu sehen sein.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute „The Territory“
  • Resurrection
    Worum geht’s?
    Margaret (Rebecca Hall) führt ein erfolgreiches und geordnetes Leben. Als alleinerziehende Mutter bringt sie Karriere und die Erziehung ihrer sehr unabhängigen Tochter Abbie absolut souverän unter einen Hut. Doch dieses Gleichgewicht gerät aus den Fugen, als sie einen Mann erblickt, den sie sofort wiedererkennt – einen unwillkommenen Schatten aus ihrer Vergangenheit. Kurze Zeit später begegnet sie ihm erneut und ihre Begegnungen scheinen alles andere als ein unglücklicher Zufall zu sein. Im Kampf gegen ihre aufkommende Angst muss sich Margaret dem Monster stellen, dem sie zwei Jahrzehnte lang ausgewichen ist.
    Fazit: Geschmackssache – Obwohl Rebecca Hall und Tim Roth hier eine absolut fantastische schauspielerische Leistung hinlegen, so hat mich dieser Thriller absolut nicht überzeugt. Die so dramatisch aufgebaute Spannung verpufft mit einer absolut beknackten Auflösung. [Manch anderer mag diesen Film super finden.]
Quelle: Courtesy of Sundance Institute „Resurrection“
  • Alice
    Worum geht’s?
    Alice (Keke Palmer) lebt als Sklavin auf einer ländlichen Plantage in Georgia und sehnt sich nach Freiheit. Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit dem Plantagenbesitzer Paul flieht Alice durch die benachbarten Wälder und stößt auf den ungewohnten Anblick eines Highways. Bald stellt sie fest, dass wir tatsächlich das Jahr 1973 schreiben. Als sie am Straßenrand von einem desillusionierten schwarzen Aktivisten namens Frank gerettet wird, deckt Alice die Lügen auf, die sie versklavt gehalten haben und sinnt auf Rache und Befreiung.
    Fazit: Sehenswert, aber nicht überzeugend. Unglaublich, dass dieser Film auf einer wahren Begebenheit beruht.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute „Alice“
  • Cha Cha Real Smooth
    Worum geht’s?
    Gerade mit der Uni fertig – aber was nun? Der 22-jährige Andrew (Cooper Raiff) weiß nach der Uni nicht so genau, was er mit seinem weiteren Leben anfangen soll. Also wohnt er erstmal wieder bei seiner Familie in New Jersey. Aber wenn er an der Uni eines gelernt hat, dann ist es das Trinken und Feiern – Fähigkeiten, die ihn zum perfekten Kandidaten für einen Job als Partyanimateur auf den Bar- und Bat-Mizwa-Partys der Klassenkameraden seines jüngeren Bruders machen. Als Andrew sich mit der Mutter Domino (Dakota Johnson) und ihrer autistischen Tochter Lola anfreundet, bekommt er eine Ahnung davon, wie er sich sein zukünftiges Leben vorstellen könnte.
    Fazit: Absolut sehenswert – „Cha Cha Real Smooth“ überzeugt durch einen unbeschwerten, Charme, der durch eine unterschwellige Melancholie noch verstärkt wird. Der talentierte 24-jährige Cooper Raiff hat ein fantastisches Drehbuch geschrieben, Regie geführt und spielt auch noch die Hauptrolle.
    Wo kann ich den Film sehen?
    „Cha Cha Real Smooth“ wurde von Apple TV gekauft. Dort wird er sicherlich bald zu sehen sein.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute „Cha Cha Real Smooth“
  • Sirens
    Worum geht’s?
    [Ergreifender und nachdenklicher Dokumentarfilm über eine libanesische Trash-Metal-Band aus Beirut]
    „Slave to Sirens“ – die erste und einzige reine Frauen-Thrash-Metal-Band des Nahen Ostens. Der Name der Band ist Programm: Die Frauen ziehen einen geradezu in ihren Bann. Vor dem Hintergrund politischer Unruhen und des herzzerreißenden Niedergangs von Beirut bilden fünf Bandmitglieder ein künstlerisches Leuchtfeuer des Widerstands und der Unabhängigkeit. Regisseurin Rita Baghdadi folgt den Bandgründerinnen und Gitarristinnen Lilas Mayassi und Shery Bechara, wie ihre Zärtlichkeit (und manchmal auch Bitterkeit) füreinander auf unerwartete und tief bewegende Weise wächst. Zusammen mit der Sängerin Maya Khairallah, der Bassistin Alma Doumani und der Schlagzeugerin Tatyana Boughaba bewältigen diese Frauen ihre emotionale Reise durch das junge Erwachsenenalter unter turbulenten Umständen mit Anmut, unverfälschter Leidenschaft und einem unbändigen Engagement für ihre Kunst.
    Fazit: Absolut sehenswert, auch wenn man kein Trash-Metal-Fan ist. Shery und Lilas sind rätselhafte, fesselnde Persönlichkeiten und man fiebert mit ihrer Freundschaft und dem Werdegang der Band mit. Wer hätte gedacht, dass Metall so weich sein kann?
Quelle: Courtesy of Sundance Institute: „Sirens“
  • To the End
    Worum geht’s?
    Die Welt befindet sich in einer Krise. Es wird nicht genug getan, um die Klimakatastrophe aufzuhalten. Der „Green New Deal“ hat mit seinem visionären Versprechen eines systemischen, wirtschaftlichen und ökologischen Wandels, der eine bessere und gerechtere Welt schaffen soll, die Hoffnung von Millionen von Amerikaner geweckt. „To the End“ blickt hinter die Kulissen einer sozialen und politischen Bewegung, in der junge Menschen den Zynismus und die Selbstgefälligkeit einer Machtstruktur ablehnen, die es versäumt hat, die existenzielle Bedrohung, mit der wir konfrontiert sind, ernsthaft anzugehen. Regisseurin Rachel Lears („Knock Down the House“) erzählt die dringende Coming-of-Age-Geschichte einer Bewegung, am Beispiel vier junger Führungspersönlichkeiten: Alexandria Ocasio-Cortez, Varshini Prakash, Alexandra Rojas und Rhiana Gunn-Wright. Die letzte Generation, die vielleicht noch die Chance hat, die Klimakatastrophe abzuwenden, fordert ein Mitspracherecht bei der Gestaltung dieser Zukunft.
    Fazit: Absolut sehenswert! Interessante und wichtige Doku! Hier erfährt man mehr über die amerikanische Seite der Klimapolitik und die amerikanischen Klimaaktivistinnen.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute: „To the End“
  • The Janes
    Worum geht’s?
    Im Frühjahr 1972 führt die Polizei eine Razzia in einer Wohnung in der South Side von Chicago durch. Sieben Frauen werden verhaftet und angeklagt. Die Angeklagten sind Teil eines geheimen Netzwerks. Die Straftat: sie verhelfen Frauen zu sicheren und erschwinglichen Abtreibungen. Abtreibungen waren in den USA bis 1976 gesetzlich verboten (und sind es teilweise ja schon wieder). Die Organisation nannte sich „Jane“. Im Kampf gegen die skrupellose männliche Abtreibungs-Mafia, die Kirche und den Staat bewiesen die Janes beispiellosen Mut und Mitgefühl für die Bedürftigsten.
    Fazit: Absolut sehenswert.
Quelle: Courtesy of Sundance Institute: „The Janes“